Professor Dr. Peter Deetjen

„Der Klimastollen in Prettau gehört zu den gelungensten in ganz Europa"


Interview mit dem emeritierten Professor für Physiologie und Balneologie (Bäderheilkunde)

Dr. Peter Deetjen aus Innsbruck. Er beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Speläotherapie.


Klimastollen Prettau: Herr Professor, was versteht man unter Speläotherapie und wie wirkt sie?

Prof. Deetjen: Speläotherapie heißt übersetzt Höhlentherapie. Diese Therapie wurde durch Zufall entdeckt: Als während des Zweiten Weltkriegs im Ruhrgebiet die Bombenangriffe zunahmen, suchten Personen in der so genannten Kluterthöhle in Ennepetal im Sauerland Zuflucht. Dabei beobachtete ein aufmerksamer Arzt, dass sich Leute mit chronischen Lungenerkrankungen und Asthmapatienten immer wohler fühlten und ihre Krankheiten sogar ausheilten, je länger sie sich in dieser Höhle aufhielten. Warum?

In feuchten Höhlen ist die relative Luftfeuchtigkeit nahe dem Sättigungsgrad, also bei 100 Prozent. Deswegen werden alle Schwebstoffe und Allergene in der Luft geb unden und schlagen sich an den feuchten Wänden nieder. In diesen Stollen findet man also allerreinste Atemluft. Luft kann umso mehr Wasserdampf aufnehmen, je wärmer sie ist. In den kühlen Stollen liegt die Temperatur zwischen 8 und 10 Grad Celsius. Obwohl die Luft fast vollständig mit Wasserdampf gesättigt ist, ist aber absolut gesehen sehr wenig Wasser in ihr. Wenn sich die Luft beim Einatmen auf 37 Grad Körpertemperatur erwärmt, kann die Atemluft, um gesättigt zu sein, noch eine ganze Menge Wasser aufnehmen. Dieses Wasser wird nun bei der Luftpassage durch die zuführenden Atemwege aus den Schleimhäuten herausgesaugt, die oft durch chronische Entzündungen oder Asthma bronchiale geschwollen sind. Dadurch gehen die Schwellungen zurück und die Leute können freier atmen.

 

Wo wird die Speläotherapie heute überall angeboten?
In Deutschland gibt es heute zwölf Orte, an denen die Speläotherapie angeboten wird. In Österreich gibt es die Speläotherapie in Oberzeiring und in Bad Bleiberg, wo es sogar zwei Heilstollen gibt, weil sich die Therapie so gut bewährt hat. Weitere Stollen gibt es in Slowenien, Tschechien, Ungarn und Polen. Der Stollen in Prettau ist der erste in Italien. Seit 1969 gibt es die Union International de Speleogie, die Qualitätsstandards herausgegeben hat, wie eine Höhle oder ein aufgelassener Stollen beschaffen sein müssen, damit sie für Heilzwecke in Frage kommen.

 

Wie lange muss man sich in einem Stollen aufhalten, damit die Speläotherapie wirkt?
Damit die Heilungseffekte mehrere Monate lang anhalten, sollte man sich täglich ungefähr ein bis eineinhalb Stunden in einem solchen Stollen aufhalten und dies mindestens zwei bis drei Wochen hintereinander. Diese Therapie in natürlichen Höhlen oder in Bergwerksstollen ist vollkommen nebenwirkungsfrei, was bei der medikamentösen Behandlung bekanntlich nicht der Fall ist. Insbesondere bei Kindern ist es von Vorteil, die Speläotherapie zumindest als Alternative anzuwenden.


Hat es Sinn, zweimal pro Tag in einen Klimastollen einzufahren?

Darüber gibt es keine systematischen Untersuchungen, aber so wie ich die Dinge sehe, ist es ausreichend, wenn man einmal am Tag einfährt.

 

Sie befassen sich schon seit Jahrzehnten mit der Speläotherapie und haben auch viele Gutachten über Höhlen und Stollen verfasst, darunter für Prettau. Wenn Sie die Messergebnisse zwischen Prettau und anderen Orten vergleichen - wie schätzen Sie den Klimastollen in Prettau ein?
Prettau erfüllt genau die Qualitätsstandards, die von der internationalen Union für Speläotherapie erstellt worden sind. Außerdem ist der Stollen in Prettau bestens für diese Therapie ausgebaut worden. Unter den vielen Therapiestollen in ganz Europa ist der Stollen in Prettau sicher einer der gelungensten.

 

Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse liegen über die Speläotherapie vor?
Es gibt eine Reihe von wissenschaftliche Studien, die die positiven Effekte der Speläotherapie objektiv nachweisen. So ist etwa an der Universität Ulm ge rade eine umfangreiche Studie abgeschlossen worden, die zeigt, dass sich das Befinden von Kindern mit Atemwegserkrankungen durch die Speläotherapie nachhaltig verbessert hat.

 

Bei welchen Krankheitsbildern ist es sinnvoll, die Speläotherapie anzuwenden?
Sowohl bei akuten obstruktiven Atemwegserkrankungen wie Asthma bronchiale als auch bei chronischen obstruktiven Lungenerkrankungen wie chronischer Bronchitis und beim Lungenemphysem. Obstruktiv heißt, dass die Atemwege verengt sind. Ähnliche Auslösemechanismen wie das Asthma bronchiale haben auch die so genannten atopischen Erkrankungen wie Neurodermitis und Heuschnupfen. Dann sind das allergische Asthma bronchiale zu nennen, das infektbedingte Asthma bronchiale und schließlich einige postinfektiöse Symptome wie sie z.B. beim Keuchhusten auftreten.

 

Mehrere tausend Personen haben bislang den Klimastollen in Prettau genutzt. Sie stellen uns immer wieder die Frage, ob sie ihre Medikamente nach einigen Stolleneinfahrten absetzen können, wenn sie eine subjektive Linderung verspüren.
Grundsätzlich sollten diese Personen die Basismedikation beibehalten. Wenn der Stollen Wirkung zeigt, können sie die Basismedikation aber durchaus reduzieren - allerdings immer in Absprache mit dem behandelnden Arzt.

 

Welche Kontraindikationen können bei der Speläotherapie auftreten?
Auch die sind international festgelegt. Kontraindikationen können sein: fieberhafte Krankheiten, dekompensierte akute und chronische Begleiterkrankungen des Herzkreislaufsystems, zu denen schwere Formen der Herzinsuffizienz zählen wie Herzinfarkt, Bluthochdruck und Schlaganfall.

 

Viele Pollenallergiker fragen, wann sie in den Stollen einfahren sollen - vor Beginn oder während des Pollenflugs?
Ob man eine Pollenallergie prophylaktisch mit Speläotherapie bekämpfen kann, ist zwar nicht erwiesen. Aber während der Pollenzeit und anschließend, wenn die Symptome auftreten, hat sich die Speläotherapie durchaus bewährt. Allerdings sind nicht alle Pollen gleich allergisierend und Asthma auslösend. Als besonders gefährlich gelten Birkenpollen und Gräserpollen. Aber es gibt auch andere Allergene, die Pollenallergie auslösen. Da sind besonders Tierhaare und der Kot der Hausstaubmilben zu nennen. Diese Allergene wirken das ganze Jahr hindurch.

 

Kann die Speläotherapie Atemwegserkrankungen auch vollständig heilen?
Das ist eine schwierige Frage. Bei Kindern ist seit Jahren ein starker Zuwachs an Asthmaerkrankungen zu verzeichnen. Wenn sie in die Pubertät kommen, kann es mit Hilfe der Speläotherapie und mit Medikamenten gelingen, sie aus dem Status asthmaticus herauszuholen, sodass sie keine Beschwerden mehr haben. Bei Erwachsenen ist die Erkrankung oft schon chronisch. Die Speläotherapie bringt in den meisten Fällen eine Linderung und manchmal auch eine Heilung, aber Garantie gibt es keine.

 

Warum steigt die Zahl der Allergiker seit Jahren stark an?
Das hat mit der steigenden Umweltverschmutzung und der schlechter werdenden Luft zu tun. Eine aktuelle Studie zeigt, dass in Europa 80 Millionen Menschen von allergischen Erkrankungen betroffen sind und davon auch ein großer Teil an Asthma leidet. Bei 72 Prozent sind Pollen der Auslöser, 33 Prozent reagieren auf Hausstaubmilben und 6 Prozent auf Schimmelpilze. Viele Patienten haben Allergien gegen mehrere dieser Stoffe, ein Drittel aller Patienten ist auch gegen Katzenhaare empfindlich.

 

Wie sollen die Wohnungen, in denen Personen mit Atemwegserkrankungen leben, ausgestattet sein?
Man sollte in diesen Wohnungen alles vermeiden, was als Auslöser für allergische Erkrankungen, insbesondere für das Asthma bronchiale, in Frage kommt. Auf Haustiere muss man auf jeden Fall verzichten. Weil die Hausstaubmilbe so gefährlich ist, darf man ihr keine guten Lebensverhältnisse bieten. So müssen die Matratzen aus Materialien sein, in denen sich die Hausstaubmilbe nicht festsetzen kann.

 

Beim Aufenthalt im Stollen in Prettau machen unsere Kunden zuerst 15 bis 20 Minuten Atem- und Entspannungsübungen. Die Patienten legen sich dann auf den Sessel und lesen, hören Musik, manche Personen schlafen sogar. Ist das in Ordnung?
Das entspricht voll und ganz den internationalen Erfahrungen und Standards. Atemübungen und das entspannte Liegen während und eventuell nach der Therapie sind sehr zu empfehlen. Sehr wichtig ist auch, dass im Stollen Ruhe herrscht.

 

Können Ex-Raucher durch die Speläotherapie einer COBD(= chronisch obstruktive Bronchitis) vorbeugen?
Das ist bisher noch nicht untersucht worden, aber es ist anzunehmen, dass eine beginnende chronische Lungenkrankheit durch die Speläotherapie bereits im Keim unterdrückt werden kann.

 

Wie bewerten Sie die Zukunft der Speläotherapie?
Ich kann zwar nicht in die Zukunft blicken, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass die Luftbelastung und auch die allergischen Erkrankungen weiter zunehmen werden. Folglich brauchen immer mehr Asthmatiker eine Behandlung, weshalb der Bedarf an Behandlungsstätten auch in Zukunft gegeben sein wird.

 

 

Quelle: Das Informationsblatt des Klimastollens Prettau, Ausgabe 1, Herbst 2004